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Wieder alles verlieren?
„Nach allem Erlebten fühle ich mich nun zuhause“
Im August 2026 trat das Braunschweiger Forum mit einer Filmankündigung an die Öffentlichkeit: „Rettet die Siedlung am Ölpersee!“ Film und Vortrag im Universum Filmtheater. Regie und Umsetzung des 2025 aufgenommenen 15-Minuten-Films lag in der Hand von Mario Asef. Soweit normal …?
Aufhorchen ließ Idee und Unterstützung durch Klaus Burckhardt, Oberkirchenrat i.R., Lars Dedekind, Propst ev. Luth. Kirche Braunschweig und Heiderose Wanzelius, Braunschweiger Forum e.V., weitere Unterstützung kam vom Forum gegen Rechts e.V. BS, IKDR Niedersachsen und Bündnis gegen Rechts e.V. Braunschweig.
Die Geschichte
Auf dem jetzt von Abriss bedrohten Gelände Uferstraße waren bereits vor dem Zweiten Weltkrieg von den Faschisten mehrere hundert Sinti mit ihren Familien zwangsangesiedelt worden. Sie begannen dort sofort, sich die vorhandenen Gartenhäuschen auszubauen und wohnlich einzurichten. Mit Beginn der Vertreibungen wurden sie u.a. durch die Kriminalpolizei in der Nacht zum 3. März 1943 in das Sammellager Veltenhof verbracht, von wo sie direkt aus dem Bett in die Züge nach Auschwitz-Birkenau verschleppt worden sind.
Die wenigen Überlebenden aus Braunschweig sind zurückgekommen, hierher, an ihren früheren Wohnort an der Uferstraße, jetzt Siedlung Zum Ölpersee.
Sie errichteten Unterkünfte auf 20 Grundstücken unter städtischer Aufsicht, die in der Kriegs- und Nachkriegszeit als Notunterkünfte gedacht waren, aber ohne Baugenehmigung. Und das ist in der Ankündigung der Stadt Braunschweig, die weitere Gründe heranzieht, so z.B. „die überwiegende Lage im Überschwemmungsgebiet steht der Zulassung einer dauerhaften Wohnnutzung entgegen“ so der Pressesprecher der Stadt. Die dort Wohnenden haben in den zurückliegenden 80 Jahren entgegengesetzte Erfahrungen gemacht: wenn Braunschweig überschwemmt war – immer häufiger! – lag die Siedlung zum Ölpersee dank ihres etwas erhöhten Standortes trocken.
Sie haben ihre Häuser ausgebaut, die Siedlung verschönert, mit eigenen Händen, und das, obwohl sie bis vor einigen Jahren nicht ans städtische Wassernetz angeschlossen waren! Auch das haben sie in Eigenarbeit geschafft. Nur das Abwasserproblem ist noch zu bewältigen. Auch das werden sie schaffen, sagte Kurt Braun, Sinto, im Gespräch nach dem Film. „Das ist doch unser Zuhause.“ Jeder Handgriff zum Ausbau der Häuser, geschieht angesichts ihrer historischen Erfahrungen ständiger Vertreibung, geschieht zur Verbesserung der Lebensbedingungen in der Siedlung, in der sie endlich ihren Kindern und Enkeln einen festen Wohnsitz, ein sicheres Zuhause übergeben, bzw. hinterlassen können.
Aktuelle Lage
In ihrem Namen sprachen Kurt Braun und Andrea Holup, Einwohnerin der Siedlung, mit zahlreichen weiteren Anwohner*innen für den Erhalt der Siedlung. Der Zusammenhalt unter den dort Wohnenden ist groß.
Um breitere Unterstützung für den Erhalt ihres Zuhauses zu bekommen haben sie sich mit einer Petition an die Öffentlichkeit gewandt. Dort heißt es:
„Wir, die Bewohnerinnen und Bewohner der Siedlung „Zum Ölpersee, ehemals Uferstraße“ in Braunschweig, wenden uns mit dieser Petition an das Bauamt Braunschweig, um die drohende Nutzungsuntersagung und Abrissverfügung unserer Häuser zu verhindern, denn die Stadt plant, die ersten Häuser in ein bis drei Jahren zu beseitigen und weitere dann, wenn die Bewohner ausgezogen oder verstorben sind.
Unsere Siedlung „Zum Ölpersee“ … ist seit dem Zweiten Weltkrieg gewachsen. … Heute, mehr als 80 Jahre später, sehen wir uns mit einer Abrissverfügung konfrontiert. Während immer mehr Zeitzeug*innen verschwinden und das Wissen über diese dunklen Kapitel verschwindet, droht auch dieser Ort des Gedenkens zu verschwinden. Wir sehen „Zum Ölpersee“ als einen Ort der Erinnerung, der Aufklärung und des Miteinanders. Hier soll über die Vergangenheit gesprochen werden. Hier sollen Stolpersteine gesetzt werden, die an das Schicksal der Sinti erinnern. Wir fordern, dass das Bauamt mit uns eine Lösung findet, die diese Häuser bewahrt. Sie sind Teil unserer Identität, unserer Geschichte. Sie müssen bleiben, das Recht erhalten repariert, modernisiert und für die Zukunft gesichert zu werden. Helft uns, diesen Ort als lebendiges Denkmal und sichere Heimat zu erhalten!"
https://www.change.org/p/rettet-die-siedlung-zum-%C3%B6lpersee
https://www.instagram.com/lebenzumoelpersee?igsh=a25vMDdwNHI3amxv&utm_source=qr
Auch das Sommerfest im Juni 2026, über das die Braunschweiger Zeitung berichtete, diente der Entwicklung von Solidarität in der Stadtgesellschaft und der Werbung um Unterstützung.
Solidarität
Kurt Braun sprach zum ersten Mal öffentlich über sein Anliegen, ihr Zuhause, die Siedlung zu erhalten, noch dazu in einem bis auf den letzten Platz gefüllten Kinosaal. Er hatte auch sichtlich bewegt die Begrüßung des Publikums übernommen. Anschließend stellte er sich mit Andrea Holup den Fragen, Anmerkungen. Die Stimmung war sehr solidarisch.
Ein Mitglied der VVN machte auf die besondere politische Verantwortung Braunschweigs vor der Geschichte aufmerksam und empörte sich: „Wie diese Stadt mit Opfern des Faschismus und ihren Nachkommen umgeht ist ein politischer Vorgang von unglaublicher Instinktlosigkeit!“ Sie schlug vor, eine Sondersitzung des Rates der Stadt zu beantragen, wo der Film gezeigt werden solle. Vor diesem Hintergrund könne dann der Erhalt der Siedlung diskutiert werden. Langanhaltender Beifall sowohl für die Einschätzung als auch für den Vorschlag bestätigte das Einverständnis der Anwesenden.
Heidi Wanzelius, Braunschweiger Forum, griff den Vorschlag dankbar auf und sagte zu, ihre Kontakte zu nutzen, um Unterstützung für den Antrag auf Sondersitzung zu werben, in der der Film gezeigt und Möglichkeiten diskutiert werden sollen, die Siedlung zu erhalten.
Das ist Braunschweig den Sinti schuldig!
Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten, Kreisvereinigung Braunschweig (VVN)